Auch wenn wir unsere Natur erkennen, lösen sich Gewohnheiten langsam auf.
No-Mind ist kein gefühlloser Zustand ohne jeglichen Verstand. Es ist der Ort, an dem sich der ursprüngliche Geist so offenbart, wie er ist, befreit von der Macht des unterscheidenden Denkens und der Täuschung, die an uns haften und uns erschüttern. Es ist der klare Ort, bevor Gedanken über Gut und Böse, Gewinn und Verlust auftauchen.
Wenn wir diesen Ort vollständig gesehen haben, können wir sagen, dass es keine separaten Stufen mehr gibt, die wir erklimmen müssen. Wenn wir unsere Natur klar erkannt hätten, was würden wir sonst noch erreichen wollen? Aus diesem Grund spricht Seon davon, sofort zu sehen und sofort fertig zu werden.
Aber dies in Worten zu verstehen, ist etwas anderes, als zu erleben, wie trügerische Gedanken tatsächlich im Leben verschwinden. Selbst wenn wir einen Gedanken zurückdrehen und unsere Natur erkennen, können langjährige Gewohnheiten und Karma durch den Körper, die Sprache und die Beziehungen wieder aufleben. Es geht also nicht darum, das Erwachen zu leugnen, sondern das Gesehene im täglichen Leben zur Reife zu bringen.
Eine Tür kann sich einmal öffnen. Doch der Staub im Raum verschwindet nicht über Nacht. Wenn wir wissen, dass sich die Tür geöffnet hat, lassen wir jetzt das Licht herein, sehen den Staub, der sich angesammelt hat, und fegen ihn leise weg. Bei der Praxis geht es nicht darum, etwas Unbekanntes in eine Form zu bringen. Es ist die tägliche Bestätigung, dass der bereits gesehene Geist nicht getrübt wird.
Es besteht also kein Grund, ungeduldig zu werden, wenn von No-Mind die Rede ist. Wenn wir sehen, dass trügerische Gedanken bestehen bleiben, ist genau dieses Sehen der Ort der Übung. Wenn Anhaftung steigt, sehen wir Anhaftung. Wenn die Diskriminierung zunimmt, sehen wir Diskriminierung und kehren zum klaren Licht der ursprünglichen Natur zurück. Nicht den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, sondern die verbliebenen Gewohnheiten ehrlich aufzulösen, ist die Haltung der Praxis.
Nicht-Geist ist keine Taubheit ohne Gedanken, sondern der Ort des ursprünglichen Geistes, der nicht von Diskriminierung und Verblendung herumgezerrt wird. Selbst wenn wir unsere Natur erkannt haben, müssen alte Gewohnheiten, wenn sie bestehen bleiben, im Leben wieder aufpoliert werden. Den Geist, der sich erhebt, ehrlich zu sehen und heute zur Klarheit zurückzukehren, ist Übung.